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NEXUS Kunsthalle Saalfelden/ Austria, 2008/09
  

Personale

Judith Huemer ist die Ich-Erzählerin in ihren stets autobiografisch angelegten Projekten. Sie ist zugleich Betroffene und Beobachterin, sie ist die unmittelbar Involvierte und versucht der Szene von außen beizuwohnen, um zu kontern. Sie unterscheidet nicht zwischen der Erzählerin und ihrem privatem Ich, das zudem aus verschiedenen Ichs ― dem vergangenen, dem privaten, dem öffentlichen ― besteht. Die Romantauglichkeit eines jeden Lebens ist bekannt ― es braucht nur jemanden, der ihm eine Form gibt. Die Geschichten liegen auf der Straße. Die passende Form gibt ihnen Judith Huemer, über das benutzte Medium entscheidet der Anlass. Auslösend ist jeweils etwas, das im Moment nicht ins Leben zu passen scheint, dadurch Widerstand freisetzt, und sich dann durch Steigerung und Überhöhung verselbstständigt. Ruth Horak 2008

"Judith Huemer"by Elisabeth M Gottfried, Eikon International Magazine for Photography and Media Art, Heft 65/2009

Die Nexus Kunsthalle zeigt als erstes Ausstellungshaus einen Überblick über das Schaffen Judith Huemers und trug somit einmal mehr dazu bei, das Ausstellungsgeschehen der Kunstwelt zu bereichern. Schon in der ebenso spielerischen wie präzisen Konzeption der Ausstellung wird das wesentliche der künstlerischen Arbeit Huemers augenscheinlich. So führt sie eine goldene Girlande mitten durch den Raum oder lädt die BesucherInnen dazu ein, auf einer Schaukel Platz zu nehmen und durch die Bewegung die Dynamik und Leichtigkeit ihrer Arbeit aktiv zu begreifen. Judith Huemers Bilder sind von hohem ästhetischem Anspruch. Sie brechen Konventionen und leben von Provokation und ... Überraschung.

Liebe Helga! Oder soll ich Mama sagen? Denn irgendwie werden Sie schon zur Mutter von uns allen. Wir, die wir durch das Kunstwerk leben, fühlen uns doch geschmeichelt von der Strenge in Ihrer Stimme. Ich grüße Sie, Arthur.

Liebe Judith! Vor 10 Jahren fuhr ein internationaler Kunstzug quer durch Europa, darin lag ein Koffer mit zahlreichen Postkarten mit einem Bild von Dir und Deinem Puppenhaus und ein Walkman, durch den man die Worte Deiner Mutter hören konnte: „ Und des sog i da, in an Monat bist z’ruck aus Amsterdam mit oi deim Zeig und donn tust wos gscheits in Österreich.“ Deine schriftliche Aufforderung an die Passagiere, eine Postkarte zu nehmen und sie an Deine Mutter zu schicken, ist ein künstlerisches Statement, das mir in Deinem Fall wie eine Wiederholung des ersten Schreis erscheint, den ein Kind macht, wenn es von seiner Mutter zur Welt gebracht wird. Das erste Manifest des eigenen Ichs. Wird man als Künstlerin geboren? Ich meine ja. Liebe Grüße, E.

Liebe Helga! Ich will gern, dass Judith durch geht mit Kunstmachen... bitte schön... gern... weil so schön ist KUNST! Bitte sind sie nicht böse! Agnes

Liebe Judith! Als Du 2006 ein Kunststipendium des Bundesministeriums für New York bekommen und um ein Visum angesucht hast, wollten die Beamten der US-Botschaft Dir das nicht so einfach ausstellen. Sie sagten, Du bräuchtest eine Arbeitsgenehmigung – die für Dich aber kaum zu bekommen wäre – weil eine Künstlerin ständig arbeitet. Und in Deinem Fall trifft das 100%ig zu. Gut, dass Du letztendlich als Touristin „durchgegangen“ bist und einreisen durftest, denn Dein Aufenthalt in New York hat eine Wende in Deiner künstlerischen Arbeit gebracht – ohne dass Du Dir dabei untreu geworden wärst. Diese Wende kommt eigentlich sehr gut in dem Video zum Ausdruck, wo Du auf der Leiter in Deinem New Yorker Atelier stehst und innehältst, grade so als würdest Du Deine neuen Eindrücke gedanklich einpacken, bevor Du wieder abreist in die Heimat. Nein, Du bist Dir nicht untreu geworden. Im Gegenteil. Deine neue Arbeit mit dem Titel Balcony Session Constructed ist eine Fortführung und Intensivierung Deiner vorangehenden Projekte, in denen es immer um Bewegung, um Dynamik geht, um die Definition von Raum und um die Gratwanderung zwischen Ästhetik und Kitsch. Wenn es Dir früher – zum Beispiel in der Serie balance of mind – darum gegangen ist, die Schwerkraft aufzulösen und Du durch Richtungswechsel und Überlagerungen, Detailschärfen und Stoffunschärfen einen neuen Raum kreiiert und eine eigene Dynamik erzeugt hast, geht es in Balcony Session um ein Streben, das Emporstreben. Dein Blick vom Balkon des New Yorker Studios ließ Dich das massive Nach-Oben-Streben dieser Stadt wahrnehmen. Spontan entstand die Arbeit Balcony Session und daraus später Balcony Session Constructed. Du wurdest gewahr, dass in New York eine andere Art der Dynamik herrscht als hierzulande. So führen diese Bilder nicht nur das räumliche Streben, sondern auch das Streben nach Macht vor Augen. Und ja, natürlich geht es auch um Sexualität – das Empire State Building zwischen Deinen Beinen, die Strümpfe, der Fetisch – aber ich glaube es geht Dir nicht um einen Geschlechterkampf (Strümpfe sind ja in gleichem Maße auch ein Fetisch für Frauen). Wenn Du in der Fotoserie mexicoisch Decken verwendest und ästhetisierst, wie sie in den Läden am Wiener Mexikoplatz zu Hunderten feilgeboten und dem gemeinen Empfinden gemäß als kitschig angesehen werden, gibst Du dem Wort „Geschmack“ eine neue Bedeutung. Und das führst Du wieder bei Balcony Session fort, wo Du unkonventionelle Farbkombinationen wählst, die den Betrachter extrem provozieren, seine Sehgewohnheiten zu überdenken. Eine Werkgruppe sticht unter all diesen heraus: overall ist eine Serie, die Du auf Einladung des Stiftes Admont gemacht hast. Die Bilder sind schwarz, eine Farbe, die an sich wenig Bewegung reflektiert. Doch Dir gelingt es, Deine ganze Welt nicht darunter zu verbergen, sondern darin für uns zu öffnen: die Opulenz – diesmal nicht durch Farben, sondern durch Stofflichkeit ausgedrückt, die Erschaffung eines eigenen Raumes und die Kreation von Dynamik durch die spezielle Kombination der Mönche, die durch ihren unterschiedlichen Körperbau dem Bild verschiedene Charaktereigenschaften verleihen. Gravität und Schwerelosigkeit zur gleichen Zeit erzeugen eine Spannung, die einen wie im Sog in Deiner Welt verschwinden lassen. Judith, was ich so mag, ist Dein Aufbrechen von Konventionen, Dein Mut und Deine Kunst, zu zeigen, wie die Welt auch sein kann. In Bewunderung, Deine E.

Kultur in Land Salzburg by Wolfgang Richter, Kultur Saltzburg, 2008

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© Judith Huemer 2017