Judith Huemer Selected Works 1998-2008 pdf-file

17 x 23 cm, 104 pages
ISBN 978-3-902675-14-9
published and distributed by Fotohof edition Salzburg

    

Judith Huemer Selected Works 1998-2008

Die Künstlerin Judith Huemer präsentiert uns mit ihrer Monographie Judith Huemer Selected Works 1998–2008 ein unvergleichliches, ästhetisch gestaltetes Buch. Mutig setzt sich Huemer über Hardcover, Vorsatzseiten, Inhaltsverzeichnis hinweg und bietet den LeserInnen eine unmittelbare Annäherung an ihre künstlerische Praxis. Traditionelle Parameter wie Biographie, Bibliographie und Werkverzeichnis auf den letzten Seiten fehlen, denn das gesamte Buch erscheint als Huemers Biographie. Das Konzept ist ungewöhnlich und großartig. Bild und Text beginnen bereits auf der Umschlagseite – das Cover wird Teil des Kerns – diese Intensität führt Huemer konsequent bis zur letzten Seite, der Rückseite, weiter. Die Reduktion auf das Wesentliche mit einer höchst intelligenten Visualisierung dokumentiert die Arbeitsweise und das künstlerische Werk. Skizzen, Fotos und Video Stills von Entstehungsprozessen, Werke und Ausstellungsansichten werden durch spezifische durchlaufende Texte in Englisch und Deutsch zu einem Gesamtwerk. Leben und Werk formen in der dichten Atmosphäre, aus der ihre Arbeiten entstehen, Huemers authentische Erzählform. Mit Texten von: Martin Hochleitner, Ruth Horak, Eva Maltrovsky, Katherine Rudolph, Gustav Schörghofer

Judith Huemer im Gespräch mit Ruth Horak anlässlich der Buchpräsentation in der Kunsthalle Wien project space karlsplatz am 29. Jänner 2009

Ruth Horak: Kennengelernt habe ich Dich als The Couple – Judith Huemer und Tom Andre Skullerud, in Deiner Zeit an der Rietveld-Kunstakademie in Amsterdam (1994 bis 1996). Schon The Couple hat seine Themen unmittelbar aus dem Leben gegriffen, wie bei Young couple is looking for a place to live, das 1996 entstand. Hat die Verschiebung vom Doppelwesen The Couple zum Einzelwesen Judith Huemer auch die Thematik Deiner Werke verändert?

Judith Huemer: Nein. Als The Couple haben wir zwar alle unsere künstlerischen Projekte und Arbeiten gemeinsam entwickelt. Doch wir waren dabei immer zwei individuelle Persönlichkeiten. Beim Projekt In Love sind wir im Partnerlook im öffentlichen Raum aufgetreten – in hellen Jeans, Turnschuhen und hellblauen Unisex-T-Shirts –, was eine Herausforderung für mich war. Aber auch da blieben wir zwei unterschiedliche Charaktere und Persönlichkeiten.

RH: Bestimmte Themen kommen im Buch immer wieder vor: subjektive biografische Erfahrungen, gesellschaftliche Erwartungshaltungen, das Bestimmen der eigenen Rolle innerhalb der Gesellschaft. Welche Judith wärst Du, wenn Du Dich den gesellschaftlichen Erwartungen angepasst hättest, statt „lustvollen Widerstand“ zu leisten?

JH: Deine Kreation des lustvollen Widerstands finde ich sehr treffend und ganz wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass eine gesellschaftliche Veränderung nur über das Erfahrbarmachen, Visualisieren und das Gespräch über die eigenen Bedürfnisse und Erfahrungen möglich ist. Nicht Versteckspiel oder Opportunismus sind gefragt, sondern die eigene lustvolle Behauptung. Die Reflexion darüber aktiviert gesellschaftsrelevante Prozesse. – Welche Judith ich wäre, wenn ich den Erwartungshaltungen entsprochen hätte, daran will ich lieber gar nicht denken. Vermutlich nicht weit entfernt von den Frauen in Elfriede Jelineks Buch Die Liebhaberinnen, Kapitel „Die Hochzeit“, woraus Eva Maltrovsky in meinem Buch zitiert. Die Fortsetzung könnte dann so lauten: „Judith ist sehr glücklich! Judith hat es geschafft!“ – auf dem Land in Münzkirchen!

RH: Deine Arbeit ist von biografischen Ereignissen durchwachsen – hast Du bei irgendeinem Thema bereut, es für Deine künstlerischen Projekte aufgegriffen zu haben?

JH: Nein, nie. Gibt es für Dich als Rezipientin etwas, das Dich zu dieser Frage veranlasst? Die biografischen Ausgangspunkte werden immer durch meine künstlerische Ausdrucksform transformiert, überlagert, wiederholt und so quasi von mir entkoppelt. Sie stellen für die BetrachterInnen immer ein Kommunikationsangebot oder auch ein Irritationspotenzial dar.

RH: Subjektivität ist immer riskant: Privates verraten, Widerstände im eigenen Leben eruieren, Betroffenheit zeigen und thematisieren. Sophie Calle macht es, Elke Krystufek auch. Andere sagen dagegen: „Wen interessiert das schon, warum wird das Private hier so nach außen getragen?!“ Bist Du mit solchen oder ähnlichen Vorwürfen konfrontiert?

JH: Vorwurf würde ich es nicht nennen. Im Gegenteil: Es ist immer schön, wenn es zu direkten Konfrontationen kommt, was aber wenig passiert. Hier in Österreich wird eher indirekt abgehandelt oder verhandelt – mit der Referenz zur Referenz zur Referenz … Das ist total langweilig, und außerdem: Wo ist dabei der eigene Standpunkt? Wo bleibt der Mut zum eigenen Bekenntnis? Ich liebe Direktheit, nur die ermöglicht Diskussion und Veränderung.

RH: Immerhin sind die allerprivatesten und alleralltäglichsten Dinge auch die wesentlichen Motive in der Literatur oder im Film – die (unglückliche) Liebe, Enttäuschungen und Ähnliches. Zu diesen Themen findet sich auch im Repertoire und Interessenfeld der Galerie Fotohof viel (Foto-)Literatur. Wenn die Distanz zum Thema groß genug ist, daraus also bereits Concept Art geworden ist wie bei Bas Jan Ader und anderen, dann ist auch die allgemeine Akzeptanz groß. Warum glaubst Du wird der Kunstbetrieb so streng, wenn’s zu persönlich wird?

JH: Die Herangehensweise von Bas Jan Ader ist meiner nicht unähnlich. Auf jeden Fall verbindet uns der niederländische Einfluss – er ist dort geboren, ich habe mich entschieden, einige Jahre dort zu leben. Das individuelle Statement ist in Amsterdam viel stärker wahrnehmbar, nicht nur im künstlerischen Kontext, sondern generell. Die Selbstreflexion wird zur Selbstverständlichkeit. Die Holländerinnen und Holländer sind so wunderbar selbstbewusst, das tut gut und ist ansteckend. Sie haben den Mut zum Risiko, und selbst wenn etwas daneben geht, so war es doch immer eine Erfahrung – und damit eine Bereicherung! Diese Haltung hat etwas Stimulierendes und Leichtes, was mir in Österreich häufig fehlt. Die fünf Jahre Amsterdam waren eine ganz entscheidende Phase für mich. Seit damals trage ich Schuhe mit Absätzen und liebe sie. – Deine Frage zum Kunstmarkt ist delikat! Ich glaube, dass jede künstlerische Arbeit beim Persönlichen beginnt – wobei der Begriff des Persönlichen für mich eher eng und klein klingt. Selbstreflexion und authentische Erzählform finde ich passender, weil sie einen größeren Horizont öffnen. Wesentlich ist der Moment der visuellen Umsetzung – folge ich der Intuition oder einer Strategie? Entscheide ich mich für akzeptierte, bereits vertraute Parameter, wo die Einbettung meiner Arbeit und der Diskurs darüber in abgesteckten Kategorien oder Gattungen vonstatten gehen? Oder wage ich das Experiment mit dem Mut zum Risiko und zum Scheitern – mit dem Kitzel, Gedanken und Ideen in Ungewohntes, noch Unbenennbares zu transportieren und zu verwandeln? Mich treibt das Experiment an, ich will in Bewegung bleiben, mich entwickeln. Um eine authentische Erzählform zu entwickeln, ist Selbstreflexion wichtig. Das ist nicht nur im Kunstkontext relevant, das könnte auch der Politik, ja der ganzen Gesellschaft gut tun!

RH: Das Authentische ist sicher ein Spezifikum Deiner Arbeiten, denn die biografischen Ereignisse sind nach der Übersetzung in Kunst immer noch sehr authentisch. Besonders Deine Videos sind sehr intensiv, wenn Du etwa ohne Unterlass die Worte „Tourist – Terrorist – Artist“ wiederholst. Du hast dich außerdem entschlossen, im Buch „Arbeitsmaterial“ zu veröffentlichen, also Skizzen und Fotos aus Deinem Archiv, die zum Beispiel aus dem Entstehungsprozess zu einer Arbeit stammen. Wir sehen auch Verletzungen oder Blasen auf Händen und Füßen, die sich dann, wie beabsichtigt, formal in Deinen rosaroten Luftballons wiederholen – wieder ein Beitrag im Sinne des Authentischen. Dem unabgeschlossenen Charakter des Buches insgesamt entspricht, dass der Umschlag Teil des Kerns ist und dass die Texte unmittelbar aneinander anschließen. Das Interview mit Martin Hochleitner ist wieder eine authentische Form – hast Du versucht, Deine Arbeitsweise auf das Buch übergehen zu lassen?

JH: Ja, das war mir ganz wichtig. Für mich hat das Buch einen sehr abgeschlossenen Charakter. Das Konzept habe ich gemeinsam mit dem Grafiker entwickelt. Es ist tatsächlich der Versuch, meine künstlerische Arbeitsweise in Buchform zu bringen. Uns reizte ein unkonventionelles Konzept und Layout. Bild und Text beginnen bereits auf der Umschlagseite, um den BetrachterInnen einen direkten Einstieg in meine künstlerische Praxis zu ermöglichen. Es braucht kein Hardcover, keine Vorsatzseiten, kein Inhaltsverzeichnis und all dieses Zeremoniell einer Annäherung. Ich liebe das Unmittelbare und auch die Reduktion auf das Wesentliche. Mit dem Ergebnis bin ich sehr glücklich. – Die Arbeit am Buch erfolgte parallel zum Umzug meines Ateliers. Dabei habe ich all das analoge Material durchwühlt, neu archiviert und einiges auch entsorgt. Genauso lief der Prozess mit den digitalen Materialien. Ich bin total der Obsession verfallen: habe Kisten und Schachteln aus meiner Zeit in Amsterdam und Rom durchsucht, die ich jahrelang nicht geöffnet hatte. Für das Buch entstanden daraus vor allem die Seiten über die Arbeitssituation, die Inspirationen und Skizzen – Realisiertes und Angedachtes nebeneinander. Das Projekt Piss & Go, meine erste Performance, hatte ich längst vergessen. Als ich es wiederentdeckte, wurde mir plötzlich klar: Das war damals eine ganz wesentliche Erfahrung, die ich festhalten will. Aus solchen Prozessen ist das Buch entstanden.

RH: Im Interview mit Martin Hochleitner taucht das Schlagwort „Kostüm“ auf, im Satz von Oskar Schlemmer: „Die Verwandlung des menschlichen Körpers erfolgt durch das Kostüm.“ Dich interessierte daran, ob das Kostüm den menschlichen Körper stimulieren kann, sich zu verändern. Kannst Du kurz beschreiben, wie Du Kleidung einsetzt?

JH: Kleidung, im Speziellen die Kombination von Mustern, Farben, Materialien stimuliert mich immer wieder. Das ist für mich eine persönliche Herausforderung. Ich liebe die Gratwanderung an der Grenze des geschmacklich Bedenklichen. Aber was ist schon Geschmack? Mir geht es um das Trauen, Ausprobieren, Lust an der Vielfalt haben. Deshalb ist Schwarz für mich keine tragbare Kleiderfarbe. Sie würde mich total einschränken und beengen – ein schrecklicher Gedanke. Ich selbst will Konventionen, vermeintlich Vertrautes aufbrechen.

RH: Eine andere Art von Kostüm findet sich in der Serie overall: Die Kutten der Mönche aus dem Stift Admont sind das Motiv großformatiger Fotografien, die u. a. auch in der Galerie Fotohof gezeigt wurden. Eine Arbeit, die herausfällt aus Deinem Werk, weil sie so unbunt ist, so stoisch, vielleicht auratisch. Wie siehst Du diese Serie im Zusammenhang mit Deinem sonstigen Werk?

JH: Das Projekt war eine ganz besondere Herausforderung für mich: nicht nur wegen des farbreduzierten Raums, sondern auch wegen der Mönche als Performer einer Choreografie, die ich eigens für sie entwickelt hatte. Bis dahin war ich entweder selbst die Performerin – das geht am leichtesten, da kann ich meine Grenzen selbst ausloten – oder ich hatte dafür Freunde, mit denen es ebenfalls gut ging. Bei den Mönchen dagegen tat ich mich schwer mit Forderungen wie: ich benötige einen dicken und einen dünnen Mönch, einen großen und kleinen. Dabei waren diese unterschiedlichen Körpervolumina für die Dynamik meiner Bildkomposition ganz wesentlich. Ich löste das Problem, indem ich die Mönche im Rahmen dieses Projektes zu Modellen umbenannte. Ab diesem Moment war meine Hemmschwelle gebrochen. Die Zusammenarbeit mit Menschen finde ich immer wieder spannend und bereichernd, auch bei diesem Projekt.

RH: Die Arbeit am Buch ist abgeschlossen, das neue Atelier bezogen – aber „reibungslose“ Zeiten sind ja nicht gerade die besten Voraussetzungen für Deine Arbeit ... Was sind Deine nächsten Vorhaben?

JH: Was ist schon eine reibungslose Zeit? Eigentlich würde ich sie mir wünschen –Strand, Wärme, weißer Kies, türkisfarbenes Wasser, Palmen – das stelle ich mir unter reibungslos vor! Bei mir passiert ständig so viel oder ich lass es passieren, dass ich keinen Mangel an Inspirationen verspüre. Nächste Woche starte ich eine Videoarbeit im neuen Atelier. Das Konzept dazu gibt es schon länger, jetzt wird es umgesetzt – ich freue mich darauf!

© Judith Huemer 2017