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Landesgalerie Eisenstadt, 2016
Schlossgalerie Schärding, 2014   

Grüß Gott Good Day

Judith Huemer selects 3 objects – Suppenbrunzer* / Holy Ghost / iron figurines – from the Municipal Museum of Schärding and combines them with a selection of seven of her own works: DankeSchön (Thanks) / Goldstück (Golden Jewel) / Bei uns wird Grüß Gott gesagt (We say Grüß Gott) / Hochseingeboren / Horizont (horizon) / Ping Pong / Verkettung (concatenation). Hung in a dense and linear arrangement on the wall, each work tells its own story, opening up chains of associations but still relates to the ‘neighboring’ piece to the left and right. The generously draped garland gives the selection of works a special placement in the space, referring to the historical function of branch forks in the former storage buildings of the fortress. A bench-like construction, assembled out of coarse blocks of wood, allows one to sit and contemplate. What is striking about Huemer’s selection of works is her multi-layered play with gold as a visual and verbal material and medium. The installation recalls alchemistic transmutations in which seemingly ‘low’ materials are transformed into the most precious, the ‘immortal’ gold. The artist varies the size, material and the medium in an exciting way, not shunning any dialogue – high-quality and precious elements are placed next to seemingly cheap and transient. Huemer focuses here on the freedom of a subjective value canon. Throughout the entire installation, ideas of harmony and its counterpart are newly composed in “this world as in the other world”. Belief and superstition appear in a parallel existence. By being both socially and politically relevant, they are highly topical and inspire reflection.
(* Vernacular object that typically hangs over a dining-room table)

Grüß Gott Guten Tag

Judith Huemer wählt 3 Objekte – Suppenbrunzer / Heiliger Geist / Eisenfigürchen – aus dem Stadtmuseum Schärding und verkettet diese mit einer Auswahl von sieben eigenen Werken: DankeSchön / Goldstück / Bei uns wird Grüß Gott gesagt / Hochseingeboren / Horizont / Ping Pong / Verkettung. Linear und dicht angeordnet an der Wand, erzählt jedes Werk eine eigene Geschichte, eröffnet Assoziationsketten und steht doch in Beziehung zum „Nachbarn“ links und rechts davon. Die schwungvoll drapierte Girlande gibt dabei der Werkauswahl die besondere Setzung im Raum und verweist auf die historische Funktion der Astgabeln im ehemaligen Vorratsgebäude der Burg. Eine bankähnliche Konstruktion, aus groben Holzblöcken gezimmert, erlaubt ein sich Setzen und Verweilen. Das Markante an Huemers Werkauswahl ist das vielschichtige Spiel mit Gold als visuellem und verbalem Material und Medium. Die Installation lässt an alchemistische Transmutationen denken, bei denen scheinbar symbolisch „niedere“ Stoffe zum edelsten, dem „unsterblichen“ Gold, umgewandelt werden. Spannungsreich variiert die Künstlerin Größe, Material und Medium und kennt dabei keine Berührungsängste – Hochwertiges und Kostbares neben vermeintlich Billigem und Schnelllebigem. Huemer fokussiert dabei auf die Freiheit eines subjektiven Wertekanons. In der Gesamtinstallation werden Vorstellungen von Harmonie und deren Gegenpart im „Diesseits wie im Jenseits“ neu komponiert. Glaube und Aberglaube zeigen sich in einer Parallelexistenz. Durch die gesellschaftsrelevante politische Aktualität erfahren sie hohe Brisanz und regen zum Überdenken an.

Opening speech by Verena Traeger (extract)

Auszug aus: Rede zur Ausstellungseröffnung Muse-um-Muse – historisches Artefakt trifft zeitgenössische Kunst (27.9. – 26.10.2014) in der Schlossgalerie Schärding von Verena Traeger, Kunsthistorikerin und Ethnologin. Sieben KünstlerInnen wurden, dem Ausstellungskonzept folgend, ins Schärdinger Stadtmuseum eingeladen. Aus der reichhaltigen Sammlung des Museums sollte jedeR von ihnen historische Artefakte auswählen, die sie zur künstlerischen Auseinandersetzung inspirierten. Die Realisationen waren vielgestaltig: So entstanden entweder neue Arbeiten, oder die KünstlerInnen überarbeiteten und veränderten bereits vorhandene Werke, von den Impulsen der Museumsobjekte ausgehend, oder brachten fertige Arbeiten aus dem eigenen Werkfundus mit ein. Im nächsten Schritt wurden all diese künstlerischen Reaktionen zusammen mit ihren „musealen Musen“ – den Artefakten – im Rahmen der Ausstellung präsentiert: in sieben unterschiedlichen, von den KünstlerInnen selbst entwickelten Präsentationen, die wiederum übergeordnet in einen Dialog zueinander traten. Die Objekte, durch die Sammeltätigkeit des Museums längst ihren ursprünglichen kulturellen und sozialen Kontexten entrissen, wurden dabei auch von ihrem Museumskontext befreit und in einen völlig neuen Zusammenhang gestellt – den Kontext einer zeitgenössischen Kunstausstellung. Dieses Konzept ermöglichte neue Sichtweisen und neue Bedeutungsbezüge.

Judith Huemer wählte aus der Sammlung des Schärdinger Stadtmuseums drei Kultobjekte aus: eine Heiliggeist-Figur von 1780, einen Suppenbrunzer aus dem Ende des 19. Jahrhunderts sowie ein unscheinbares Eisenfigürchen in Form eines Pferdes. Die Heiliggeist-Figur in Form einer Taube fiel der Künstlerin beim Besuch des Stadtmuseums durch ihre knallrot bemalten Vogelfüße ins Auge. Beim Suppenbrunzer, einer Glaskugel mit Heiliggeisttaube im Inneren, lässt allein der deftige Name aufmerken. Suppenbrunzer hingen früher im Bayerischen Wald, in der Oberpfalz und im Berchtesgadener Raum in den Bauernstuben über dem Esstisch, um den aus der Suppe aufsteigenden Dampf von der kalten Glaskugel wieder in die Suppe zurücktropfen zu lassen. An dem Pferdchen aus Eisen, das man früher zum Schutz vor Unwetter und als Blitzableiter im Stall aufgestellt hat, interessierte die Künstlerin vor allem die große spirituelle Kraft des unscheinbaren Objekts.

Diese drei Museumsartefakte verknüpfte Judith Huemer mit sieben eigenen Arbeiten aus ihrem Werkarchiv: Bei uns wird Grüß Gott gesagt – Video am Smartphone mit Kopfhörer (2011/14); Hochseingeboren – Bleistift, Aquarell und Gold (2007/08); Horizont – Plakat mit der Sonderfarbe Silber (2010); Goldstück – Video mit der österreichischen Fahne (2010); Verkettung – Anordnung eines verknoteten Goldfadens (2011/12); Dankeschön – Foto eines Installationsobjekts in Echtgold, gerahmt; und Ping Pong – Pigmentdruck und Bleistiftzeichnung (2013). Die eigenen Werke und die Museumsartefakte werden in Huemers Präsentation durch eine „wertlose“, aber durchaus bedeutungsvolle goldglänzende Girlande visuell verbunden und zusammengehalten. Davor stellte Huemer eine hölzerne Bankkonstruktion aus dem Jahr 2004.

In ihrer Präsentation beschäftigt sich die Künstlerin mit dem subjektiven Wertekanon von Objekten. Sie hinterfragt deren Wertigkeit, indem sie zeigt, dass der immaterielle Wert oft den materiellen übersteigt. So ist das unscheinbare Amulett der kleinen tierischen Eisenfigur mit einer großen spirituellen Kraft aufgeladen, die in keinem Verhältnis zu dem minimalen Objektwert steht. Dagegen kann ein sehr kostbarer Gegenstand, dem keinerlei spirituelle Kraft zugesprochen wird, zumindest in bestimmten Situationen als „wertlos“ oder „bedeutungslos“ gelten. Auch in diesem Zusammenhang lässt sich das alte Sprichwort „Nicht alles, was glänzt, ist Gold“ deuten. Die soziale und kulturelle Zuschreibung eines Objekts, seine Verknüpfung und Verkettung mit Bedeutung ist die Grundlage für das Auratische, das ein Objekt und damit auch jedes Kunstwerk besitzt. Kunst existiert durch den Kontext und das Bedeutungsgeflecht, die wir einem Werk zuordnen – ganz im Sinne von Gilles Deleuze: „Die kleinste reale Einheit ist nicht das Wort, nicht die Idee oder der Begriff und nicht der Signifikant – es ist die Verkettung“. Das Zitat ist hier nachzulesen in Huemers Arbeit Verkettung (2011/12).

Judith Huemer stellt Fragen nach Glaube und Aberglaube, nach Magie und Spiritualität. Wenn wir Objekte mit immateriellem Gedankengut aufladen, werten wir sie dadurch auf oder ab. Aus Dingen, deren Materialwert gering ist, können symbolkräftige Bedeutungsträger werden – wie das rot-weiß-rote Stoffstück, das als österreichisches Nationalsymbol begriffen wird. Huemers Fragen zielen damit auch auf einen Antagonismus, der den Kunstdiskurs weit übersteigt: die Macht des Geistes, des Glaubens und des Aberglaubens wider die Macht des Goldes und der Materie.

© Judith Huemer 2017